Rezension „Generation Lobpreis“

Dies ist eine Rezension zu: Faix, Tobias/Künkler, Tobias: Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche. Das Buch zur empirica Jugendstudie 2018, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 2018.

Es ist immer so ein bisschen mein Eindruck, dass sich viele Menschen, die in irgendeiner Form mit Kirche zu tun haben, sich fragen: Wie soll es nur weitergehen mit dem Laden? Denn oftmals sind die aktuellen Entwicklungen – Kirchenaustritte, Pfarrstellenkürzungen, Säkularisierung – kein Anlass zum hoffnungsfrohen Blick in Zukunft. Das mag alles seine Berechtigung haben, dennoch gehen Tobias Faix und Tobias Künkler in ihrem Buch „Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche“ einen anderen Weg: Sie schauen auf das, was Hoffnung macht – und das sind in ihren Augen die vielen, von ihnen als „hochreligiös“ bezeichneten, Jugendlichen im Alter von 14 bis 29 Jahren (also eine Gruppe, zu der derzeit auch die Autoren dieses Blogs gehören würden), für die christlicher Glaube im Alltag eine Rolle spielt und die sich in unterschiedlichster Form in den (landeskirchlichen und freikirchlichen) Kirchengemeinden Deutschlands engagieren. Diese haben sie im Rahmen der empirica Jugendstudie zu ihrem Glauben, ihre Sicht auf bestimmte theologische Themen und ihr ehrenamtliches Engagement befragt. Dabei wurden sowohl Fragebögen ausgewertet als auch Interviews geführt, es wurden also qualitative und quantitative Daten erhoben.

Faix und Künkler sind beide Professoren an der CVJM-Hochschule in Kassel. Dort widmen sie sich intensiv der Erforschung der evangelischen Jugend Deutschlands. Ihr Buch stellt zwar vielfach Bezüge zu Ergebnissen der außertheologischen Sozialforschung her, ist aber dennoch in einer sehr einfachen, leicht zu verstehenden Sprache geschrieben. Auch beim Layout hat man sich mächtig ins Zeug gelegt: Viele bunte Farben, große Grafiken und einige teilweise etwas deplaziert wirkende Stockfotos prägen die optische Aufmachung des Buchs.

Das Buch beginnt mit einem Einführungskapitel, in dem wichtige, grundsätzliche Begriffsklärungen vorgenommen werden. Außerdem wird hier erklärt, wie die Studie durchgeführt wurde und wer befragt wurde. Das alles wirkt sehr sorgfältig und durchdacht. Man bekommt gleich zu Beginn den Eindruck, dass hier sehr ordentlich und methodisch nachvollziehbar gearbeitet wurde. Dieser Eindruck bleibt die ganze Lektüre über bestehen.

Danach sucht das Buch nach der Antwort auf die Frage, wer die „hochreligiösen Jugendlichen“ eigentlich sind: Aus welchen sozialen Strukturen kommen sie vorwiegend? Schon hier kommen die Forscher zu bemerkenswerten Ergebnissen, denn ihre „Ausgangshypothese, dass die Lebenswelt- und Milieuorientierung evangelischer, hochreligiöser Jugendlicher vielfältig und heterogen ist, wurde […] deutlich widerlegt“ (S. 45); die in Betracht kommenden Jugendlichen kommen aus maximal zwei der so genannten „Sinus-Milieus“, nämlich vor allem aus dem Milieu der Bürgerlich-Konservativen, oder, aber da sind es schon weniger, aus dem der Adaptiv-Pragmatischen.

Im darauffolgenden Kapitel wird dargestellt, wie sich die hochreligiösen Jugendlichen verschiedenen „Typen“ zuordnen lassen. Was zunächst ein wenig wie Schubladendenken anmutet, erweist sich als durchaus sinnvoll und interessant: Es gibt nun einmal unter den evangelischen Jugendlichen ganz verschiedene Arten, Glaube zu leben. Neben den „Erweckten“, die ihren Glauben sehr exklusiv verstehen und verschiedene, auch pfingstlich-charismatische Gemeinden besuchen, gibt es da zum Beispiel auch die „Sozialpolitischen“, für die der Glaube eher Aufforderung zum gesellschaftlichen Handeln ist. Insgesamt können Faix und Künkler acht solcher „Typen“ unter den hochreligiösen evangelischen Jugendlichen ausmachen.

Danach untersuchen die Autoren unter zwei Aspekten die Haltungen Jugendlichen noch einmal genauer: Einmal geht es darum, wie sie glauben, zum anderen um ihre Teilnahme und ihr Engagement an und in kirchlichen Veranstaltungen. Vor allem der Teil über die Art, wie die Jugendlichen glauben, ist aufschlussreich. Denn hier wird einerseits ihr Gottesbild beschrieben, andererseits ihr Verständnis der Bibel, und welche ethischen Konsequenzen sie daraus ziehen. Dass hier der Fokus auf die Sexualethik gelegt wird (konkret kommen die Themen „Sex vor der Ehe“ und „Homosexualität“ in den Blick), ist folgerichtig, da es sich hierbei um Themen handelt, die für die Jugendlichen selbst von großer Wichtigkeit zu sein scheinen. Die Autoren versuchen sich immer auch an einer Hermeneutik ihrer Ergebnisse. Diese Gedanken sind teilweise sehr aufschlussreich und fördern das Verstehen. Mir zum Beispiel ist noch einmal klar geworden, wieso vielen, vor allem freikirchlich geprägten jungen Menschen, die biblisch begründete Ablehnung von Homosexualität so wichtig ist. Auch wenn die Ergebnisse, gerade im Bezug auf die Sexualethik, aber durchaus auch auf die Exklusivität des Glaubens oder das Gottesbild der Jugendlichen, für mich zuweilen erschreckend anmuten, so helfen sie doch zum Umgang mit solchen Gedanken.

Sehr stark ist auch ein gegen Ende des Buches zu findendes Kapitel, in welchem die Ergebnisse der Studie noch einmal aus vier verschiedenen Blickwinkeln kommentiert werden. Neben dem Lobpreis-Liedermacher Albert Frey hat hier auch der Heidelberger Theologe Arne Bachmann einen Kommentar geschrieben, in dem er die Theologie der Jugendlichen treffend und unterhaltsam als „Big-Daddy-Theologie“ bezeichnet. Nachzulesen, was das konkret bedeutet, ist nicht nur empfehlenswert, sondern durchaus unterhaltsam.

Also, zusammenfassend kann ich sagen: Ich finde das Buch auf jeden Fall lesenswert. Auch wenn ich manche Erkenntnisse der Studie sehr erschreckend finde (viele Jugendliche haben gegenüber anderen Religionen oder nicht-heterosexuellen Menschen eine Einstellung, die ich nicht teilen kann und teilweise für gefährlich halte), finde ich, dass das Buch eine sehr gute Hermeneutik dieser Ergebnisse bietet. Das alles wird auf einem aber auf sehr sympathische Weise präsentiert. Ich habe mich beim Lesen des Buches jedenfalls sehr zum Mitdiskutieren aufgefordert gefühlt.

Allen, die mit kirchlichen Jugendlichen arbeiten oder dies in Zukunft vorhaben, aber noch nicht so ganz verstehen, wie diese Jugendlichen zu ihrer Einstellung kommen, sei dieses Buch ans Herz gelegt.

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