Diese Heuchler!

Neulich habe ich bei Instagram einen kleinen Cartoon gesehen, der mich berührt hat. Er stammt von @kriegundfreitag, einem Künstler, der seine Zeichnungen auch oft bei Twitter veröffentlicht.

In dem Cartoon sieht man zwei Männchen in einer offenbar überfluteten Landschaft stehen, der obere Teil eines Hauses guckt noch aus den Wellen heraus. Das eine Männchen sagt: „Wieso hast du nichts gegen die Klimakatastrophe unternommen, obwohl so viele davor gewarnt haben?“. Das andere Männchen erwidert: „Weil diejenigen, die davor gewarnt haben, auch manchmal Plastiktüten verwendet haben. Diese Heuchler!“

Die im Cartoon von dem rechten Männchen vorgebrachte Argumentation kommt mir bekannt vor: Die Grünen-Wähler*innen, das sind doch die, die mit dem SUV zum Biomarkt fahren, um dort weit transportierte Avocados in Plastikverpackungen zu kaufen! Oder gern auch konkret auf die derzeitigen Protagonistinnen der Fridays-for-Future-Bewegung bezogen: Luisa Neubauer ist doch eine Vielfliegerin! Und das Elektroauto, mit dem Greta durch die Gegend fährt – verbraucht das etwa keine Ressourcen?

Wenn ich ehrlich bin, kann ich schon verstehen, dass man gewillt ist, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Schließlich sind es gerade die Klimaaktivist*innen, die von uns allen zum Teil eine radikale Lebensveränderung fordern: Nicht mehr fliegen, nicht mehr Auto fahren, kein Fleisch. Es ist, als würden die Kritiker*innen Greta & Co. das Jesuswort zurufen: „Mit welchen Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden“ (Matthäus 7,2).

Und dennoch: So funktioniert das ganze nicht. Natürlich nicht! Wer – jetzt nochmal biblisch gesprochen – den anderen mit seinem eigenen Maß zu messen versucht, aber selber an sich einen ganz anderen Maßstab ansetzt, tut ja wieder dasselbe, weswegen er den anderen verurteilt. „Ich fliege und fahre Auto und esse Fleisch und wähle CDU und weiß, dass ich damit dem Klima schade – aber wenigstens bin ich darin ehrlich und konsequent, und nicht so wie Luisa, diese Heuchlerin!“ – So ungefähr hört sich die Kritik der Gegnerinnen von Fridays for Future an. Darin verbirgt sich allerdings zunächst einmal das Eingeständnis, dass das eigene Verhalten nicht gerade das gesündeste für unseren Planeten ist. Und zweitens ist eine derartige Aussage auch eine Kapitulation: „Sorry, ich kann einfach nicht aufs Auto und aufs Fleisch verzichten – also kann ich ja auch gleich auf alles andere scheißen. Und wenn es den selbsternannten Klimaretter*innen auch so schwer zu fallen scheint auf all das zu verzichten, dann ist vielleicht gar keine Klimarettung möglich!“ Das ist unsinnig, aber wie gesagt: Irgendwie verstehen kann ich es schon.

Ich schreibe auf diesem Blog, weil ich es wichtig finde, dass wir was gegen die Klimaveränderungen tun. Aber auch ich fliege hin und wieder, nehme statt dem Zug das Auto oder kaufe Dinge die in Plastikverpackungen sind. Ehrlich gesagt, manchmal fehlt mir auch einfach das Geld, um die statt der billigen ja!-Milch für 60 Cent die gute Bio-Schwarzwaldmilch in der Glasflasche zu kaufen. Und Fliegen ist oft auch um einiges günstiger als Bahnfahren. Da sind wir wieder bei einer Sache, die ich von Kritiker*innen der Klimaaktivist*innen auch oft höre: Dass die Veränderungen, die die Aktivist*innen fordern, oft auf Kosten von Menschen mit geringeren finanziellen Möglichkeiten gehen würden. Und ganz ehrlich: Ich kann mir das sogar vorstellen. Und ich habe auch Verständnis dafür, wenn Menschen, die z. B. in Landesteilen mit schlechterer ÖPNV-Infrastruktur wohnen, sagen, dass es ganz schwierig wäre ohne Auto. Dennoch kann es ja keine Lösung sein, dann auf die Klimarettung zu verzichten. Wir dürfen nicht die sozialen Fragen und die Klimafragen gegeneinander ausspielen. Und es gibt ja schon Ideen, wie man an die Sache rangehen könnte, zum Beispiel die Entkopplung von Arbeit und Einkommen.

Denn am Ende wird es so sein, wie der obige Cartoon es uns darstellt: Wenn wir auf dem überfluteten Wüstenplanet (schon auch ein bisschen ein Paradox, ich weiß) sitzen, helfen uns unsere Ausreden auch nicht weiter.

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