Victim Blaming im Straßenverkehr – eine Serie?

Mittlerweile scheint es zum journalistischen Standard zu gehören, Dinge, die nur im entferntesten nach Hipstertum aussehen, mit einer groß ausgemalten Schmähung zu begehen. Nicht dabei fehlen darf dabei natürlich das verächtliche Schnauben über 1) Hipsterbärte 2) Veganismus und 3) Rennrad. Ich weiß dann immer nicht was ich peinlicher finde: Die wenigen Menschen, die diese Dinge wirklich als Teil ihres “Lifestyle” sehen und weniger inhaltlich begründen oder die Redakteure, die sich regelmäßig daran abarbeiten, weil es anscheinend ihrem Weltbild so sehr widerspricht. Konkret baut der Autor dieses Fokusartikels dieses Feindbild auf, um es seiner romantisierenden Erinnerung an seine Kindheit entgegenzustellen. Sein Problem: Eltern packen ihre Kinder vermehrt nicht mehr in die guten alten Römerkindersitze für Fahrräder, sondern nutzen Lastenfahrräder. Warum dabei das Hipsterfeindbild aufgebaut werden muss, erschließt sich nicht ganz. Da der Artikel argumentativ aber sonst auch eher bodennah unterwegs ist, soll dieses in mancher Blase wohl gern angenommen Hipsterbashing, für den nötigen emotionalen Rückhalt sorgen. Genug der Polemik. Ich will nun kurz begründen, warum ich die der Hipsterpolemik folgenden Argumente für problematisch halte.

Romantisierung statt Fakten

Als erstes fragt sich der Autor, warum die Kinder nicht wie früher er selbst, vorne und hinten auf dem Fahrrad des Vaters zur Schule/Kindergarten gebracht werden könnten. Die Kinder seien wohl schwerer geworden, anders sei dieser Wandel nicht zu erklären. Guess what! Es gibt durchaus gute Gründe für das Lastenrad: Der ADAC sieht den auf dem Fahrrad montierten Sitz eindeutig als unsicherer Variante für das Kind. Ist auch einigermaßen logisch, weil durch einen höheren Schwerpunkt (v.a. wenn vorne und hinten ein Kindersitz angebracht ist), das Fahrrad wesentlich schwieriger zu kontrollieren ist, als bei einem Lastenrad, das oft auch mit 3 Rädern sehr Um(n)fallsicher konstruiert ist. Außerdem fügt der ADAC an, dass es für die Kinder oft unbequem im Kindersitz ist, weil sie kaum Bewegungsfreiheit bieten. Sieht der Autor des Fokus vermutlich anders, aber im Lastenrad haben die Kindern definitiv mehr Bewegungsfreiheit. Sowohl Sicherheit als auch Komfort sprechen fürs Lastenrad.

Wer ist hier eigentlich Schuld?

Absurder wird es in der weiteren Argumentation gegen das Lastenrad. Er führt zwei Argumente an: dadurch, dass die Lastenräder so behäbig und raumeinnehmend seien, blockieren sie einerseits die Radwege und reizen Autofahrer zu gewagten Überholmanövern. Immerhin beim zweiten Argument merkt der Autor selbst, dass dafür auch der oft zu geringe Sicherheitsabstand der Autofahrer der Grund für Unfälle ist. Für beide Argumente gilt aber: die Kritik trifft die falschen. Denn das unsere Radwege viel zu eng ist, wird durch Lastenräder vielleicht besonders deutlich, ist aber eine grundsätzliche Fehlentwicklung zugunsten großzügig bemessener Autospuren. Die Lösung heißt hier nicht: weniger Lastenräder. Sondern vernünftige Radwege. D.h. (das sind die Vorgaben für Radschnellwege) 2m Spurbreite – in jede Richtung. Dann kann nämlich ein Lastenrad mit einer Spurbreite von einem Meter bequem überholt werden. Nocheinmal: das Problem sind nicht die Lastenräder, sondern die fehlende Infrastruktur. Gerade angesichts einer Verkehrswende, die vor dem Hintergrund der Klimakrise so nötig wie nie zuvor scheint, ist zu erwarten, dass die Hipstereltern nicht die einzigen Lastenradfahrenden bleiben werden. Denn Lastenräder bietet gerade für den innerstädischen logistischen Verkehr eine noch auszuschöpfende Alternative. Lastenräder weisen auf ein Problem hin, sind aber nicht das Problem. Zum zweiten Argument will ich eigentlich nicht viel schreiben, denn der Autor tut ja schon den ersten Schritt in die richtige Richtung: Wenn ein Autofahrer durch zu geringen Abstand einen Unfall provoziert ist ja wohl zuallererst der Autofahrer in die Pflicht zu nehmen. Wer den Lastenradfahrenden dazu auffordert auf normale Rad umzusteigen macht victim blaming at its best. Zudem: Mir ist bisher nicht bekannt, dass es eine nenneswerte Zahl an Unfällen mit aus dem Lastenrad fallenden Kindern gibt, was der Autor aber suggeriert.

Warum der Autor so einen Groll gegen Lastenräder (und im letzten Absatz auch gegen Fahrradanhänger) hegt, bleibt Vermutungen ausgesetzt. Empirische begründen kann er es nicht, so dass es so wirkt als wäre allein der von ihm als Widerspruch zu seiner verklärten Vergangenheit empfundene Gebrauch von Lastenräder der einzige Grund.

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