Kirchenwahl für die Jugend – lieber nicht!

Seit Anfang Oktober bin ich kein Student mehr. Ich bin Vikar in der württembergischen Landeskirche. Das bedeutet, dass ich nochmal 2,5 Jahre praktisch lerne, was ich als Pfarrer eigentlich so machen muss. Bisher ist das sehr interessant und angenehm wenig theorielastig. Zu Beginn meines Vikariats steht vor allem die Schule im Vordergrund. So kam es auch zu diesem Beitrag.

Denn neben dem Beginn meines Vikariats steht dieses Jahr in Württemberg (wie auch in Baden) die Kirchenwahl an. Hier sind alle evangelischen Kirchenmitglieder aufgerufen, sowohl den Kirchengemeinderat (das leitende Gremium der Ortsgemeinde, heißt woanders auch anders, z. B. „Presbyterium“) wie auch die Synode (also sozusagen das Parlament der württembergischen Landeskirche, wo über viele Kirchengesetze abgestimmt wird) zu wählen. Gar nicht so unwichtig eigentlich. Denn die Synode kann immerhin über so heiße Themen wie die (in Württemberg) umstrittene Trauung für alle entscheiden, ein Budget von 770 Millionen in einen Haushalt verwandeln und Pfarrpläne schreiben (also entscheiden, ob wir sukzessive Stellen abbauen und uns damit den Prognosen der Demoskopen ergeben oder mal mutig sind.) Sie hat also recht viel zu sagen. Und ab dieser Wahl zur letzten Wahl 2013 wurde das Wahlalter auf 14 Jahre gesenkt. Davor war es zwar auch schon bei 16, aber an sich schon erstmal begrüßenswert, dass man jungen Menschen zutraut, dass sie vernünftige Entscheidungen treffen können (ich denke zurecht.).

Dass das ganze kein Selbstläufer ist, offenbarte sich mir heute in einer Relistunde, in der ich hospitieren durfte. Der Lehrer hatte sich entschieden eine Doppelstunde vor der Kirchenwahl ebenjener zu widmen. Es fing auch vielversprechend an: Die verschiedenen Wahlwerbeclips der Landeskirche wurden gezeigt und danach diskutiert. Z.B. dieser:

Fun Fact. Ein einziger Schüler konnte einordnen, dass es sich bei dem Protagonisten um Jesus handelt. Aber geschenkt. Ein gut gemachter Clip. Vielleicht für kirchenfernere Jugendliche auch nicht direkt einleuchtend, aber zumindest mal nicht peinlich. Auch die Erklärvideos zur Wahl (ein Beispiel unten) kamen ganz gut an, auch wenn es manchmal an der Grenze zu albern war (aus Sicht der Jugendlichen!).

Bis hierher konnten die Jugendlichen – 9. Klasse übrigens, also gerade von der neuen Altersregelung betroffen, glaube ich noch halbwegs was mit dem Thema anfangen. Sie wussten wann gewählt wird, was gewählt wird, dass sie wählen dürfen. Jetzt fehlte eigentlich nur noch Information, wer eigentlich so zur Wahl steht. Zum Glück gibt es ja Material für eine Stunde über die Kirchenwahl, in dem alle Gesprächskreise (also die Kirchenparteien. Sehr einfach ausgedrückt) vorgestellt werden. Ja falsch gedacht.

Also es gibt schon Material für eine Stunde über die Kirchenwahl. Und darin sind auch Selbstvorstellungen aller Gesprächskreise enthalten. Diese sind auch von den Gespächskreisen selbst formuliert. Die Qualität ist aber wirklich unterirdisch. Die Jugendlichen hatten die Aufgabe sich in einer Gruppe jeweils über die Inhalte der Gesprächskreise zu informieren und dann ein fiktives Wahlplakat zu gestalten. Am Ende kamen dabei zwar Plakate raus. Aber ich bin wirklich sehr sicher, dass die Jugendlichen in diesem Prozess weder verstanden haben, welcher Gesprächskreis sich für welche Positionen einsetzt, noch eine Idee haben, was sie eigentlich wählen wollen. Die – extra für Schüler aufbereiteten – Informationen der Gesprächskreise lesen sich nämlich wie Kurzversionen der Wahlprogramme. Man hat einfach – und da tut sich kein Gesprächskreis positiv hervor – die Wahlprogramme genommen und um die Hälfte gekürzt. Versuche die Profile für Jugendliche zugänglich zu machen sucht man vergeblich – abgesehen natürlich von den in allen Programmen allgegenwärtigen Lippenbekenntnissen, dass man sich für die Jugend einsetzt. Für die Schüler*innen müssen die Programme gleich geklungen haben: Ein bisschen Modernisierung, ein bisschen Digitalisierung, ein bisschen Offenheit für alle und gelebten Glauben. Klingt doch alles gleich. Wie unverständlich die ganzen Programme für Jugendliche sind zeigt sich dann in der Vorstellung des Gesprächskreis “Kirche für morgen”. Dieser setzt sich für eine Betonung des Priestertums aller Gläubigen ein. Auf dem Plakat landete “Priestertum umsetzen” und auf Nachfrage erklärte der Schüler, dass der Gesprächskreis sich dafür einsetze, dass es in jedem Dorf einen Priester geben sollte. Sorry. Man kann das natürlich auch auf die dummen Schüler*innen schieben. Aber wenn ich mich als „Kirche für morgen“ dafür einsetze, dass das Wahlalter abgesenkt wird (Angela Schwarz, Kfm: “Mich befremdet es sehr, die Einsichtsfähigkeit von Jugendlichen in Frage zu stellen. Wir trauen ihnen zu, sich in der Jugendarbeit zu engagieren oder ein Patenamt zu übernehmen. Aber sie sollen nicht wählen dürfen?”; Quelle), der sollte auch dafür sorgen, dass sie die Möglichkeit haben sich zu informieren. Wie frustrierend ist es denn bitte, wenn meine erste Wahlerfahrung ist, dass ich den Eindruck völliger Überforderung habe, weil alles nach Phrasen und Einheitsbrei klingt? Und wie einfach ist es denn bitte, einfach Wahlprogramme zu nehmen, ein bisschen rumzukürzen und das dann für Jugend-geeignet zu verkaufen. Als ob lange Texte das Problem wären. Und hier muss mal gesagt werden: Das betrifft ja nicht nur die Jugend. Ich glaube das ein Großteil der Menschen mit dem Kirchen- und Wahlsprech in den Programmen nichts anfangen kann, v.a. wenn man jetzt nicht sowieso schon mit einem Gesprächskreis verbunden ist. Hier besteht sowas von Nachholbedarf. Vielleicht muss doch ein eigener Gesprächskreis her.

Die Überforderung seine Inhalte für eine junge Zielgruppe zugänglich zu machen spiegelt sich übrigens auch in der Präsenz in den sozialen Medien wieder. Keine Ahnung was auf Facebook so geht, aber bei Instagramm ist „Kirche für Morgen“ mit etwas über 500 Followern Spitzenreiter, es folgen „Evangelium und Kirche“ und „Lebendige Gemeinde“ mit um die 400 Abonnenten und einsames Schlusslicht ist „Offene Kirche“ mit unter 200 Followern. Das ist selbst für Kirche wenig. Natürlich haben es Institutionen schwer, und natürlich haben die einzelnen Gesprächkreise auch einzelne Kandidat*innen, die in den sozialen Medien wesentlich erfolgreicher sind, und so manche Gesprächskreise auch präsenter als es auf den ersten Blick scheint. Aber Nachholbedarf besteht definitiv. Lieber mal bissle weniger sich die Affinität zur Jugend ins Programm schreiben und die Zeit dafür investieren gute Konzepte für ein verständliches und digital-präsentes Programm entwickeln – davon würde nicht nur die Jugend profitieren.

Es bleibt als versöhnlicher Abschluss darauf hinzuweisen und dankbar anzuerkennen: In den Gesprächskreisen wird viel Arbeit ehrenamtlich geleistet. Gerade die Synodalen machen das ganze neben ihren Hauptbeschäftigungen. Da geht nicht alles. Und es ist natürlich großartig, dass sich so viele Menschen für Gremienarbeit zur Verfügung stellen. Danke dafür! Und bitte nehmt die Jugend als Wähler*innen ernst! Aber vor allem: Geht alle wählen. Wer nochmal qualifizierte Aufklärung über Wahlprogramme braucht, darf sich gerne an @jacobmitc_ oder @andykrumm wenden. Wir tun unser bestes, um alles verständlich zu machen.