Kirchenwahlen in Württemberg – das Ergebnis der Synodalwahl

Die neue Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg steht. 90 Männer und Frauen zwischen 21 und 69 Jahren wurden in die Landessynode gewählt, sie vertreten die Kirchenmitglieder für die kommenden sechs Jahre.

Kirchenwahlen in Württemberg sind eine spannende Angelegenheit: Die Landessynode, das gesetzgebende Kirchenparlament, wird nämlich von allen Kirchenmitgliedern, die älter als 14 sind, gewählt – das ist deutschlandweit einzigartig. Zudem engagieren sich die Synodal*innen in parteienähnlichen Gesprächskreisen, was dem Ganzen noch mehr den Charakter einer Bundestags- oder Landtagswahl gibt. Solche Vergleiche hört man in der Zentrale der württembergischen Landeskirche nicht besonders gern: „Keine Kopie eines weltlichen Parlaments“ wolle die Landeskirche sein, sagte etwa Landesbischof Frank-Otfried July bei der Präsentation der Wahlergebnisse.

Der Wahlkampf im Vorfeld wurde dafür jedoch sehr intensiv geführt – erstmals auch in großer Form in den Sozialen Medien, wo Bewerber*innen um Stimmen warben. Aber auch viele Plakate sah man an den Straßenrändern einiger württembergischer Dörfer und Städte. Ob der Einsatz viel gebracht hat, kann bezweifelt werden: Mit etwa 23 Prozent Wahlbeteiligung liegt diese sogar noch unter dem Wert der letzten Wahl im Jahr 2013.

Blicken wir genauer auf die Ergebnisse:

Der konservative Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“, der stark im klassischen württembergischen Pietismus verwurzelt ist, hat im Vergleich zu 2013 acht Sitze verloren – so viele wie kein anderer Gesprächskreis – und stellt nun 31 Synodal*innen. Der sich als „die Mitte“ verstehende Gesprächskreis „Evangelium und Kirche“ (+ 1 Sitz) sowie die im linksliberalen Spektrum beheimatete „Offene Kirche“ (± 0 Sitze) haben die Anzahl ihrer Sitze so gut wie beibehalten können: „Evangelium und Kirche“ schickt 16 Mitglieder in die Synode, die „Offene Kirche“ stellt wie die „Lebendige Gemeinde“ 31 Synodal*innen. Die Reforminitiative „Kirche für morgen“ konnte ihren Sitzanteil mehr als verdoppeln: Statt fünf Synodal*innen stellt der Gesprächskreis in der anstehenden Legislaturperiode zwölf.

Die große Verliererin der Wahl ist die „Lebendige Gemeinde“. Offenbar fühlen sich viele Wähler*innen von der „klassischen“ missionarischen Gemeindearbeit, wie sie der „Lebendigen Gemeinde“ vorschwebt nicht mehr angesprochen. Dass die württembergische ihre Hoffnung auf neue Formen von Kirche und Gemeinde setzt, lässt sich auch am Erfolg von „Kirche für Morgen“ beobachten. Vielleicht wird auch die theologische Ausrichtung der „Lebendigen Gemeinde“, beispielsweise mit ihrem Fokus auf traditionelle Familienformen („Menschen zu Ehe und Familie ermutigen“ las man im Wahlprogramm – zweifelsohne ist hier mit „Ehe“ nur eine Verbindung von Mann und Frau gemeint) von den Kirchenmitgliedern zunehmend als nicht mehr zeitgemäß erlebt. Dennoch dürfte es in Fragen neuer missionarischer Formen, denen sich ja auch die „Lebendige Gemeinde“ nicht grundsätzlich verschließt, zu Synergien zwischen „Lebendiger Gemeinde“ und „Kirche für morgen“ kommen, die neue Gemeindeformen möglich machen.

Die „Offene Kirche“, die sich stark für eine „Trauung für alle“ einsetzt, fühlt sich durch das Wahlergebnis in ihrem Kurs bestätigt. Die „Vormachtstellung“ der „Lebendigen Gemeinde“ sei erstmals „gebrochen“, liest man gleich im ersten Absatz des Statements der „Offenen Kirche“ zum Wahlergebnis: Etwas deplaziert wirkt die Freude über den Verlust des kirchenpolitischen Gegners an dieser Stelle dann doch. Die kirchenpolitische Lage hat sich, wenn wir an das Thema „Trauung für alle“ für alle denken, zwar geändert; ob eine grundlegende Neuordnung und eine Überarbeitung des für alle Parteien so unbefriedigenden Kompromisses bald auf der Tagesordnung stehen wird, kann zumindest bezweifelt werden. Denn nach wie vor ist für die Änderung der Trauagende eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig. Ein neues, liberaleres Gesetz zur „Trauung für alle“ würde die Zustimmung von mindestens zwei Synodal*innen der „Lebendigen Gemeinde“ benötigen, vorausgesetzt, alle anderen Gesprächskreise würden einem entsprechenden Gesetz zustimmen, wovon auch nicht automatisch ausgegangen werden kann: Zu unterschiedlich sind die Meinungen auch innerhalb der einzelnen Gesprächskreise abseits der „Offenen Kirche“.

Ebenfalls ein Thema im Wahlkampf war der Klimaschutz, den insbesondere „Kirche für morgen“ und die „Offene Kirche“ in ihren Wahlprogrammen verankert hatten. Da die beiden Gesprächskreise zusammen über eine komfortable Mehrheit verfügen, ist zu erwarten, dass es in diese Richtung Aufbrüche geben wird. Wir von So nützt der Helm aber nix! freuen uns natürlich darüber und werden die Arbeit der Synode in dieser Hinsicht besonders kritisch begleiten.

Die Zeichen stehen also auf Zukunft – und das, obwohl beim Durchschnittsalter der frisch gewählten Synode, das bei 50,7 Jahren liegt (und damit etwa zwei Jahre geringer ist als 2013), noch ordentlich Luft nach unten ist. Besonders erfreulich ist, dass mit Michael Klein („Lebendige Gemeinde“, 21 Jahre) ein besonders junger Mensch in die Synode gewählt wurde. Die meisten der Synodal*innen sind aber in den 1960er-Jahren geboren und gehören damit zur Generation der so genannten „Boomer“ – bleibt zu hoffen, dass die Jüngeren unter den Synodal*innen kräftig für ihre Anliegen kämpfen; vielleicht schmettern sie ihren älteren Kolleg*innen ja auch mal ein lässiges „Ok Boomer“ entgegen. Die älteste Synodale ist Hannelore Jessen („Offene Kirche“, 66 Jahre). Der Jüngste unter den Gesprächskreisen ist übrigens „Kirche für morgen“, knapp gefolgt von der „Lebendigen Gemeinde“: Für neue und missionarische Formen von Gemeinde setzen sich also junge Menschen häufig ein.

Der Frauenanteil in der neuen Synode beträgt 40 %. Er hat sich damit um drei Prozentpunkte im Vergleich zum Wahlergebnis von 2013 verkleinert. Unter den Kandidierenden zur Landessynode betrug der Frauenanteil aber gerade einmal etwas mehr als 27%. Das könnte bedeuten, dass die Württemberger*innen bei ihrer Wahl bereits besonders darauf geachtet haben, dass auch weibliche Stimmen in der kommenden Synode ordentlich vertreten sind. Den größten Frauenanteil hat dabei die „Lebendige Gemeinde“ mit etwas mehr als 60 %. Während der Frauenanteil der „Offenen Kirche“ knapp über 50 % liegt, sind bei „Evangelium und Kirche“ sowie bei „Kirche für morgen“ nur ein Viertel der Gewählten Frauen.  Bleibt zu hoffen, dass die beiden letztgenannten Gesprächskreise im Vorfeld der nächsten Synodalwahl verstärkt Kandidatinnensuche betreiben – dass Frauen von den Württember*innen gerne gewählt werden, war ja immerhin zu sehen.

Insgesamt haben sich circa zwei Drittel der Synode erneuert. Das macht Hoffnung, dass Bewegung in die Sache kommt und vielleicht Dinge auch noch einmal neu verhandelt werden können. Die Erfahrung der bereits vertretenen Synodal*innen kann jedoch sicher auch dabei hilfreich sein.

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