Über den (Un)sinn von Fahrradstraßen

Die Stadt, in der ich wohne, Tübingen in Baden-Württemberg, hat – mit einigen blauen Ausfällen – einen grünen Oberbürgermeister, und ich finde, man merkt das.

Man merkt das, zum Beispiel daran, dass viele Straßen, die vormals von Autos befahren wurden, für ebendiese nun gesperrt sind und zu so genannten Fahrradstraßen umfunktioniert wurden. So zum Beispiel ein etwa 100 m langes Stück auf dem Innenstadtring, auf dem sich Busse und Fahrräder nun eine Fahrspur teilen dürfen, die gefühlt doppelt so breit ist wie die danebenliegende Spur für die Autos.

Auch mein Weg zum Theologicum, wo die meisten meiner Uni-Veranstaltungen stattfinden, führt über eine so genannte Fahrradstraße. Diese Fahrradstraße hat allerdings unter dem Schild, das sie als „Fahrradstraße“ kennzeichnet, den Zusatz „Autos und Krafträder frei“.

Was die Straße de facto keine Fahrradstraße mehr sein lässt. Beim Befahren der Straße mit dem Rad wird man von Autofahrer*innen bedrängt, überholt, sie schießen aus den engen Seitenstraßen heraus und nehmen einem die Vorfahrt … Ihr kennt das. Lange Zeit dachte ich, die verhalten sich einfach rücksichtslos. Und ja, das tun sie auch – aber dann habe ich mich noch einmal damit beschäftigt, was eine Fahrradstraße laut Gesetz eigentlich ausmacht.

In Anlage 2 zur Straßenverkehrsordnung – das ist der Teil, in dem alle Verkehrsschilder erklärt werden –, steht, dass auf einer Fahrradstraße folgende Gebote und Verbote gelten:

„1.
Anderer Fahrzeugverkehr als Radverkehr darf Fahrradstraßen nicht benutzen, es sei denn, dies ist durch Zusatzzeichen erlaubt.

2.
Für den Fahrverkehr gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h. Der Radverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kraftfahrzeugverkehr die Geschwindigkeit weiter verringern.

3.
Das Nebeneinanderfahren mit Fahrrädern ist erlaubt.

4.
Im Übrigen gelten die Vorschriften über die Fahrbahnbenutzung und über die Vorfahrt.“

aus: StVO Anlage 2 (zu § 41 Absatz 1) Vorschriftzeichen, lfd. Nr. 23

Was heißt das konkret für „meine“ Fahrradstraße, in der Autos und Krafträder erlaubt sind?

Autos, Krafträder und Fahrräder dürfen die Straße befahren und dabei nicht schneller sein als 30 km/h. Also eigentlich wie in einer 30er-Zone. Der einzige Unterschied zu letzterer ist, dass Fahrräder nebeneinander fahren dürfen. Was mir, da ich ja zumeist alleine unterwegs bin, wenig bringt (außerdem ist es sehr gefährlich, weil so ein SUV ja mal eben locker zwei Fahrräder unter sich begraben kann).

Zumal es für alle Verkehrsteilnehmer*innen weniger offensichtlich als in einer 30er-Zone ist, dass man jetzt nur 30 km/h fahren darf – im Gegensatz zu solchen Zonen steht die Zahl „30“ auf keinem einzigen Schild in der Fahrradstraße. Wahrscheinlich kennen viele Autofahrer*innen den entsprechenden Abschnitt der Straßenverkehrsordnung gar nicht (was kein Vorwurf sein soll, ich kann sie auch nicht auswendig). Aber die Folge davon könnt ihr euch ja denken: Viele halten sich nicht an die 30 km/h. Der Unterschied zu Tempo-30-Zonen ist sogar so gering, dass das deutsche Institut für Urbanistik schon den Vorschlag gemacht hat, die Regelung von ebendiesen Zonen einfach dahingehend zu ändern, dass Radfahrer*innen hier einfach auch nebeneinander fahren dürfen.

Also: Der Nutzen von Fahrradstraßen ist da gegeben, wo sie allein Fahrrädern vorbehalten sind. Wenn sie auch für Kraftfahrzeuge freigegeben sind, bringen sie wenig bis gar nichts und machen den Verkehr unter Umständen sogar noch gefährlicher. So eine Fahrradstraße macht sich natürlich gut im Stadtbild, wenn man sich als hip und grün verkaufen will – tatsächlichen Nutzen hat sie nur, wenn sie ausschließlich von Fahrradfahrer*innen (und vielleicht auch Inlinerfahrer*innen) benutzt werden darf. Deswegen ist in jedem Fall gut zu überlegen, welche Zusätze man dem Fahrradstraßenschild beigibt. In Heidelberg hat man die Geschwindigkeit auf einer Fahrradstraße zum Beispiel zusätzlich zur üblichen Beschilderung auf 15 km/h beschränkt. Das macht den gesamten Verkehr dem Radverkehr angepasster und sorgt so für eine reibungsfreie Fahrt.