Welchen Erwartungen will ich als Pfarrer entsprechen?

Zwei Faktoren sind es, die mein Vikariat – noch bevor es überhaupt angefangen hat – unter besondere Vorzeichen stellen: Zum einen bin ich der unmittelbare Nachfolger eines Vikars, der vor mir hier zweieinhalb Jahre lang zum evangelischen Pfarrer ausgebildet wurde. Zum anderen wohne ich im Pfarrhaus – wo früher, bevor hier eine Pfarrstelle gekürzt wurde, die Pfarrer*innen des Dorfes gelebt haben und das sich in exponierter Lage in der Dorfmitte, genau zwischen Kindergarten und Kirche, an einem Kreisverkehr (ohne Mittelinsel, aber da ist ein anderes Thema) befindet.

Erwartungen aus dem Dorf

Während also der Stundenschlag der Glocken mich tagsüber aus meinen Gedanken reißt und nachts zuweilen wachhält, denke ich darüber nach, was mich hier erwarten wird. Und auch: Welche Erwartungen wohl an mich gestellt werden. Wenn wir über Authentizität und Echtheit sprechen, stellt sich nämlich immer auch die Frage: Welchen Erwartungen wollen wir gerecht werden?

Sowohl der unmittelbare Vergleich mit dem Vorgänger als auch das Leben im Pfarrhaus sind mit solchen Erwartungen verknüpft. Teilweise werden sie explizit an mich gerichtet: Zum Beispiel, wenn mir seitens des Ausbildungspfarrers mit Verweis auf das Ordinationsversprechen, dem Ärgernis in der Kirche zu wehren, geraten wird, den Garten einigermaßen ordentlich zu halten. Ich frage mich, ob ich das für mich auch will. Mag ich es gerne ordentlich im Garten oder nicht? Ich hatte bisher noch nie einen Garten für mich, schon gar nicht so einen großen. Vielleicht muss ich mal schauen, ob Rasenmähen etwas für mich ist (aber nicht zwischen 13 und 15 Uhr!)

Viel öfter aber kommen die Erwartungen von mir selbst und basieren auf Vermutungen, die ich über die an mich gestellten Erwartungen anstelle. Meine Frau fragte mich beim Sonntagsfrühstück, warum ich in den Gottesdienst gehen möchte. Und da musste ich tatsächlich einmal überlegen: Mache ich das, weil ich es gerne möchte, weil ich mich nach Verkündigung und Gebet sehne, oder geht es mir mehr darum zu zeigen, dass ich am Gemeindeleben interessiert bin?

Aus Gesprächen erfahre ich eine ganze Menge über die zwei Gemeinden, in denen ich tätig sein werde. Die Menschen im Dorf seien fromm und traditionell – erwarten sie dann auch fromme Predigten von mir?  Und inwieweit sollte ich dem entsprechen? Oder sind sie vielleicht wirklich interessiert an dem, was ich persönlich zu verschiedenen Fragen des Glaubens und Lebens denke, also letztendlich an … Authentizität?

Von der Rolle?

Viel diffuser aber als all die Erwartungen im Hinblick auf pfarramtliche Aufgaben (Gottesdienst, Predigt, Unterricht), wo man ja während der Ausbildung auch an die Hand genommen wird und Feedback bekommt, sind die Erwartungen an die Pfarrer-Rolle : Wie trete ich auf, wie gestalte ich mein Leben, gerade auch in dem Teil des privaten Bereichs, der nach außen hin sichtbar ist? Inwieweit muss ich hier auf die Außenwirkungen Acht geben, und wo darf ich guten Gewissens sagen, dass es mir egal ist, wie es rüberkommt? Dazu können die Ausbildenden auch Hinweise geben, aber in diesem undurchsichtigen sozialen Miteinander einer (Dorf)Gemeinschaft muss man sich auch erstmal selbst zurechtfinden.

Ein bisschen scheint es mir so, als sei es unmöglich unter all diesen Erwartungen nicht irgendwie unterzugehen. Das gilt umso mehr angesichts dessen, dass ich ja noch ganz am Anfang meiner beruflichen Laufbahn bin. Ich muss also zwischen all dem, was von außen kommt, es auch noch schaffen, meine eigene Stimme, eine mir entsprechende Form der Rede von Gott und des Daseins als kirchlicher Amtsträger zu finden: Was ist eigentlich meine eigene Erwartung an einen guten Gottesdienst, eine gute Predigt, guten Unterricht? Und das stelle ich mir derzeit als eine der größten Herausforderungen des Vikariats vor: Herauszufinden, was zu einem selbst passt. Und das gilt wahrscheinlich auch dann, wenn man nicht im Pfarrhaus wohnt.