Über das Gefühl der davonlaufenden Zeit und fehlende Hoffnung

In den letzten Wochen ist etwas in mir kaputtgegangen. Ich kann es schwer beschreiben. Eigentlich hatte ich mich immer für einen hoffnungsfrohen Menschen gehalten. Heute ist es wieder ein wenig besser, aber heute scheint auch die Sonne.

Letzte Woche saß ich im Klassenzimmer einer Grundschule. Das ist Bestandteil meiner Ausbildung zum Pfarrer, da sitzt man dann eine Woche lang in einem Klassenzimmer, um sich anzusehen, wie Schule und Unterricht so funktioniert. Jedenfalls, ich saß auf dem für mich viel zu kleinen Stuhl in der letzten Reihe, die Schüler*innen schrieben gerade eine Klassenarbeit, und ich schaute aus dem Fenster. Und in diesem Moment hatte ich den Gedanken, dass das meine Lebenszeit ist, die hier gerade verrinnt. Und dass ich so viel Besseres damit anzufangen wüsste. Auf einer abstrakten Metaebene innerhalb meiner Gedanken war mir sofort klar, dass dieses Gefühl der mir in den Händen zerrinnenden Zeit nichts mit der konkreten Situation in der Unterrichtsstunde zu tun hatte – die Woche hat mir für meinen Beruf, denke ich, viel gebracht, und die Langeweile während der Klassenarbeit war die absolute Ausnahme –, sondern mit der Gesamtsituation. Ich bin mit der Gesamtsituation gerade herrlich unzufrieden.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass der Gedanke an die davonlaufende Lebenszeit eigentlich gar nicht von mir ist. Ich habe ihn aus einer Podcastfolge, die ich letzten Montag gehört habe (wer mich kennt, weiß, dass ich gerne Podcasts höre). Bei Die sogenannte Gegenwart redet Nina Pauer über so ein ganz komisches Phänomen, aber das ist wohl so eine Lebensrealität von gutverdienenden Journalisten, dass man nicht zuhause sein will, wenn die Reinigungskraft da ist. Weil Corona ist, muss man jetzt zwangsläufig ewig draußen spazieren gehen, während die Wohnung gereinigt wird, und das wird auf Dauer auch langweilig. Jedenfalls, auf den Punkt gebracht hat es dann Lars Weisbrod, der das wie folgt kommentiert hat:

„Das ist so ein Gedanke, der mich schon immer umtreibt, und, ja doch: das ist gegenwärtig. In der Pandemie ist er schlimmer geworden: Dass man manchmal auf was wartet, und man sagt, man muss jetzt einfach die Zeit rumbringen, und dann fällt einem ein: Scheiße, aber das ist ja gleichzeitig meine Lebenszeit, die mir wegläuft.“

Na ja, vielleicht ist das auch nicht die tiefste aller Weisheiten, aber ich denke, das Gefühl ist vielen von uns gerade irgendwie vertraut, und nach einem Jahr Pandemie wird er uns schmerzlich bewusst, dieser Verlust an Lebenszeit. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie das für Menschen sein muss, die wissen, dass sie nur noch wenig Zeit zum Leben haben, und die jetzt nicht so nutzen können, wie sie wollen.

Vor einem Jahr, meine ich mich zu erinnern, war das noch anders. Damals gab es die Aussicht, dass alles bald vorbei ist, wenn wir nur diesen Lockdown rumbekommen. Irgendwie kamen dann auch die Lockerungen, die heute vor ziemlich genau einem Jahr in kraft traten, zu früh, so dass ich denke, hätten wir es noch ein bisschen länger ausgehalten, hätten wir es vielleicht geschafft … was wahrscheinlich Quatsch ist.

Jedenfalls: Was fehlt, ist Hoffnung. Und als wäre diese Hoffnungsabwesenheit nicht schon schmerzlich genug, so schmerzt mich umso mehr der Gedanke, dass ich doch eigentlich Hoffnung haben müsste. Das war doch das, weswegen ich diesen Beruf angetreten bin: den Menschen Hoffnung machen. Steif und fest habe ich immer behauptet, es gehe dabei um mehr als die Zuversicht, „dass nach dem Tod noch was kommt“. Ich war immer der Überzeugung, dass es bei der christlichen Hoffnung auch um eine Hoffnung Diesseits der Todesgrenze gehe. Langsam merke ich, dass das nicht aufgeht: Was soll mir in dieser Welt Hoffnung machen, wenn nicht die Aussicht, dass es in dieser Welt besser werden kann?

Ich komme langsam zu dem Schluss, dass es auch im Neuen Testament oft um Hoffnung über den Tod hinaus geht, selten aber tatsächlich darum, dass es im Hier und Jetzt schon besser wird. Wenn Paulus in 1. Korinther 15 schreibt, der Glaube an Christus sei ohne den Glauben an die Auferstehung von den Toten nichts wert, dann doch deswegen, weil die Hoffnung ein Zusammensein mit Christus nach dem Tod fehlt.

Ich möchte nicht sagen, dass die Hoffnung über den Tod hinaus nichts wert ist. Wahrscheinlich ist sie in Zeiten wie Heute wichtiger denn je, wenn wir an Särgen und Gräbern von ihr reden. Aber mir, in meiner zugebenermaßen sehr privilegierten Situation nützt sie nichts.

Und so bin ich in meiner Lage einmal mehr gefragt, die Hoffnungsdimensionen von dem, woran ich glaube, für mich (und andere) plausibel zu machen. Ich kann Hoffnung nicht bloß behaupten. Aber ich denke, Hoffnung kann auch etwas sein, woran man arbeiten kann. Vielleicht wäre das etwas, was ich mit meiner davonlaufenden Zeit anstellen könnte: Darüber nachdenken, was die Hoffnung, von der mein Glaube spricht, für mich in meiner Situation bedeutet.

1 Kommentar

  1. Gedanken, die mich seit Monaten auch beschäftigen. Lebenszeit, die uns verinnt. Die Möglichkeiten, die gegeben sind, auszunützen, zu entdecken, zu packen. Aufwachen aus der Starre und Hoffnungslosigkeit. Be bold and behold!
    alles Liebe Brig

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