Reich sein bei Gott – was die Bibel über Besitz, Armut und Reichtum sagt.

… und was das für Kirche und Christen heute bedeuten könnte.

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Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland und weltweit immer mehr auseinander. Diese Nachricht kann man in den Kalender schon fast so fest einplanen wie Ostern oder Weihnachten. In jüngster Zeit ist die weltweite Kluft zwischen arm und reich besonders im Umgang mit der Coronapandemie sichtbar geworden. Die Ungleichheit zeigt sich besonders dramatischen in Statistiken zum Fortschritt der Impfungen in den einzelnen Ländern. So hatten Anfang April die afrikanischen Staaten erst eine Impfquote von 12% erreicht, während die Industrienationen fast durchgehend schon über zwei Drittel der Bevölkerung impfen konnten.[1] Schon seit März 2021 fordern Länder des globalen Südens die Freigabe der Patente für die Impfstoffe, um so selbst in der Lage zu sein Produktionsstätten einzurichten.[2] Kritische Stimmen vermuten, dass vor allem Profitinteressen die reichen Nationen davon abhalten in der WTO für eine Freigabe der Patente zu stimmen.

Dieses Beispiel zeigt, welche fatalen Auswirkungen die unterschiedliche Besitzverteilung auf der Welt bis heute hat. Armut und Reichtum gehören zu dieser Welt und werden wohl nie ganz verschwinden. Dieser Realismus begegnet auch im biblischen Zeugnis. Gleichzeitig bieten die biblischen Texte auch Perspektiven, die über einen solchen Fatalismus hinausgehen. Fünf solche Perspektiven möchte ich aufzeigen.

Armut und Reichtum als Bedingung menschlichen Seins

Es ist anzunehmen, dass die Lebensrealität biblischer Autoren zu jeder Zeit von einem Nebeneinander von Armut und Reichtum geprägt war.[3] Besonders im Sprüchebuch wird diese Selbstverständlichkeit von arm und reich in Zusammenhang mit menschlichen Anstrengungen gestellt und meistens gilt sie als selbstverschuldet.[4] So wird die Armut beispielsweise in Spr 10,4 auf das Fehlen von „sachverständiger Tüchtigkeit[5] dargestellt. Hintergrund solcher vorexilischen Spruchweisheiten ist nach Ulrich Berges eine bäuerliche Gesellschaft, in der nur mit großem Fleiß der Absturz in die Armut verhindert werden konnte.[6] Entsprechend negativ ist Armut in diesem Kontext auch konnotiert. Sie begründet ein niedriges Ansehen (Spr 14,20) und wird als Schande bezeichnet (Spr 13,18). Demgegenüber wird Reichtum positiv bewertet. Er ist Attribut der personifizierten Weisheit (Spr 3,16) und Krone derjenigen, die weise handeln (Spr 12,24).[7] An eine solche Perspektive knüpft Paulus mit seiner Theologie an, wenn er den Fleiß und den Nutzen eigener Arbeit betont, um der Armut zu entgehen.[8]  Dieser Perspektive steht im Sprüchebuch einerseits die Erkenntnis gegenüber, dass sowohl der Arme als auch der Reiche von Gott geschaffen sind.[9] Und andererseits wird der weisheitliche Tun-Ergehen-Zusammenhang sogar in Spr 10,22 relativiert, wenn festgestellt wird, dass der Segen Gottes allein reich macht und die eigenen Mühen nichts dazu tun.  

Armut als Folge von Ungerechtigkeit

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Neben dem Reichtum der Weisen findet sich aber durchaus auch Kritik an mit Unrecht erworbenem Reichtum (Spr 16,8).[10]

"Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht."  - Spr 16,8

Schon hier wird erkennbar, dass Reichtum und Armut, nicht immer vom eigenen Zutun abhängen, sondern auch in besonderem Maße eine Gerechtigkeitsfrage sind. Armut ist aus so einer Perspektive nur insofern negativ bewertet, als dass es sie zu überwinden gilt.[11] Mit großem Eifer und wortmächtigen Einlassungen äußern die biblischen Propheten Kritik an Ungerechtigkeitsstrukturen, die Arme unterdrücken und die Starken bereichern. So kritisiert Micha die korrupte Rechtssprechung und habgierige Propheten, die zur Ausbeutung der Armen beitragen.[12] Die prophetische Kritik an der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung der Armen und Schwachen ist so radikal, dass sie bei Ezechiel mit Sodom – dem Symbol für das Verabscheuenswerte und Ungerechte – gleichgesetzt werden kann (Ez 16,49).[13]

JHWH und Jesus als Fürsprecher der Armen

In der prophetischen Kritik der Ungerechtigkeit als Ursache der Armut klingt an vielen Stellen schon eine weitere Dimension des Umgangs mit Armut im biblischen Zeugnis an. Es findet sich in der Urerzählung des Judentums, im Auszug aus Ägypten. Darin liegt begründet, was sich wie ein roter Faden durch die Bibel zieht: JHWH hört das Schreien seines in Ägypten Volkes und offenbart sich als Befreier aus der Sklaverei. Im Jesajabuch bestätigt sich diese Option für die Armen und Schwachen JHWHs, indem er sich vorrangig den Armen und Schwachen zuwendet. Gleichzeitig verbindet sich diese Aussicht nicht mit einer festen Zusage von wirtschaftlichem, sozialem und politischem Wohlergehen.[14] In Jes 24-27 wird in einem apokalyptischen Szenario Gott als Herrscher der ganzen Erde beschrieben, der den Schwachen und Bedürftigen Zuflucht gewährt, und ihre Tränen abwischt. Gleichzeitig erfahren die Unterdrücker seinen Zorn. Sie werden von JHWH in den Staub geworfen und unter den Füßen der ehemals Unterdrückten zertreten.[15] In den Psalmen wird diese Armentheologie aus Perspektive der Psalmbeter geschildert: JHWH tritt als Gott der Armen auf, dessen Anspruch sich z.B. in Schutz für die Armen zeigt (Ps 9,9+10).

Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker regieren, wie es recht ist. 
10 Der HERR ist des Armen Schutz, ein Schutz in Zeiten der Not. 

In Psalm 72 erweisen die fremden Könige JHWH nicht wegen seines Reichtums und seiner Weisheit die Ehre, sondern weil er die Armen und Elenden errettet.[16]. Die Erwählung der Armen und Elenden durch JHWH geht soweit, dass sie in den David zugeschriebenen Psalmen sowie in Jes 55 zusammen mit den Frommen und JHWH-Treuen an die Stelle der davidischen Dynastie treten.[17] Die Armen sind die Nachkommen des großen Königs David! Diese eschatologischen Vorstellungen werden im Zweiten Testament fortgeführt. Das kommende Reich Gottes, das Jesus verkündet, wird die verkehrten Verhältnisse richtig stellen.[18] Auf besondere Weise wird das im Lobgesang Marias ausgedrückt:

Er stößt die Gewaltigen Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,52f.)





Im Lobgesang Marias ist es noch Gott, der einmal die Macht- und Besitzverhältnisse umdrehen wird. Im gleichen Evangelium tritt dann aber Marias Sohn Jesus mit dem Anspruch auf, dass er es ist, der den Beginn dieser Gottesherrschaft einleitet. Dieser Anspruch wird bei Lukas eng verknüpft mit Jesus Handeln und Wirken. Seine Anwaltschaft für die Armen wird zu Beginn seines Wirkens in Taufe und seiner Rede in Nazareth als Grundsatzprogramm verkündet (Lk 4,16f).[19]

»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« (Lukas 4,18+19)

Jesus begegnet Menschen in Armut positiv, sieht ihre soziale Diskriminierung und verurteilt Mechanismen der Ausgrenzung.[20]  Das wird beispielsweise im Gleichnis vom großen Gastmahl, in dem die Armen, Blinden und Lahmen zum Fest herbeigeholt werden. Oder in in der Geschichte von Lazarus‘ deutlich. Hier stellt Jesus in Aussicht, dass im Himmelreich Gottes, die Verhältnisse einmal umgedreht sein werden (Lk 16,19-31).[21] Gleichzeitig steht der Anbruch der Gottesherrschaft, in der sich die realen Bedingungen für die Armen und Hungernden ändern noch aus, auch wenn der Heilszuspruch in der engen Beziehung Jesu zu den Armen schon erfahrbar wird.[22]

Auch im Jakobusbrief ist von dieser Hoffnung zu lesen. Der Verfasser spricht hier von der Hoffnung auf eine ganz andere Realität. Er spricht von einem ganz anderen Status des Menschen im Angesicht Gottes. Auch wenn sie gerade durch ihre Zugehörigkeit zur frühchristlichen Gemeinde den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg fürchten müssen oder schon erlitten haben, wird ihnen seelsorgerlich zugesprochen, dass gerade die Armen die Geliebten Gottes sind und die Reichen wie verwelkende Blumen vergehen werden.[23]

 "Der Bruder aber, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe; 10 wer aber reich ist, rühme sich seiner Niedrigkeit, denn wie eine Blume des Grases wird er vergehen. 11 Die Sonne geht auf mit ihrer Hitze und das Gras verwelkt, und die Blume fällt ab und ihre schöne Gestalt verdirbt: So wird auch der Reiche dahinwelken in dem, was er unternimmt. (Jak 1,9-12) 

In der Johannesoffenbarung gelten Armut und Hunger als Zeichen der Endzeit und die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich kündigen das endgültige Kommen Christi an, der auf der Seite der Verarmung und Unterdrückten stehen wird.[24]

Arm und Reich in solidarischer Gemeinschaft

Gott zeigt sich schon früh in der Bibel als Gott der Unterdrückten und Sklaven. Er befreit die versklavten Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten und führt sie ins gelobte Land. Vor diesem Hintergrund sind auch viele Gesetzestexte zu verstehen, die in diese Erzählung eingestreut sind. Viele der Gesetze dienen dazu die Armut bei den Israeliten, zu lindern. Niemand, den der Gott Israels aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat, soll unter Armut leiden.

In den Gesetzen wird festgehalten, was später von den Propheten eingefordert wird. In den Gesetzen klingt die Gerechtigkeit des Himmels an, den Jesus später verkündet. So finden sich in den Geboten die Forderung in Brachjahren den Ertrag den Armen zur Ernte zu überlassen. Sie begrenzen die Schuldknechtschaft. Wenn jemand pleite ist, soll er seine Schulden nicht sein ganzes Leben abarbeiten müssen. Und die Gesetzen bewerten das Lebensrecht grundsätzlich höher , als Eigentumsansprüche.[25] Vielleicht klingt das erstmal gar nicht so sehr nach Himmelreich. Aber die Tora zeichnet sich so gegenüber Rechtssammlungen der gleichen Zeit durch eine umfangreiche Sozialgesetzgebung mit besonderem Schutz für das Lebensrecht von Armen aus.[26] Der utopische Anspruch dieser Gesetzgebung ist, dass, wenn sich alle an die Gebote halten, es gar keine Armen mehr geben wird.[27]

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Ein ähnliches Ziel schildert der Verfasser der Apostelgeschichte für die ersten Christen in Jerusalem. In Erwartung der nahen Wiederkunft Jesu teilten sie miteinander, was sie besaßen, auch wenn dabei anscheinend nicht aller Privatbesitz aufgegeben wurde.[28] Diese auch als Liebeskommunismus bezeichnete Praxis konnte sich – wenn es sie überhaupt in dieser Form gab – nicht lange halten. Der Anspruch der gegenseitigen Solidarität in der frühen Christusbewegung findet sich aber auch weiterhin, z.B. in der Sammlung der Apostel für die Jerusalemer Urgemeinde.[29] Dieser Anspruch zeigt sich auch in den Mahnungen des Paulus in seinen Briefen nach Korinth. Er kritisiert, die Art, wie hier das Abendmahl gefeiert wird. Die Wohlhabenden speisen festlich miteinander. Die ärmeren Christen kommen aus irgendeinem Grund zu spät zur Abendmahlfeier. Vielleicht, weil sie noch hart arbeiten mussten. Auf jeden Fall gehen sie leer aus. Paulus kritisiert, dass der christliche Anspruch der Solidarität der Reichen mit den Armen nicht einhalten wird (1. Kor 11,19f.). Sowohl in der Gesetzgebung der Torah als auch in den Ermahnungen und dem Anspruch gegenseitiger Solidarität der Briefliteratur wird versucht, ein Weg des gemeinschaftlichen Sorgens umeinander zu etablieren. Dieser zielt nicht in erster Linie auf die Herstellung eines Paradieszustand, sondern versucht menschenmögliche Wege zur Linderung der Not zu formulieren. Selbst dieser „Realo-Ansatz“ kann aber oft nicht eingehalten werden. Das sieht man daran, wie oft in den Briefen und von den Propheten Kritik an den gerechten Verhältnissen geübt wird. Selbst die Realos sind wohl zu utopisch unterwegs.

Kritik an Reichtum – Forderung nach Besitzlosigkeit?

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Zuletzt soll noch biblische Perspektiven auf Besitz im Allgemeinen geworfen werden. In den Weisheitsschriften und auch in den Erzählungen von Abraham, Jakob und Josef ist Reichtum nicht negativ bewertet, sondern gilt sogar als Ausdruck des Segen Gottes. Reichtum an sich ist so erstmal kein Problem. Kritisch wird aber schon im Ersten Testament das Streben nach und das Vertrauen in Reichtum kritisch gesehen.[30] Er lässt einen vor Sorge nicht gut schlafen und so ist es ein Geschenk Gottes, wenn Wohlstand auch genossen werden kann.[31] Und im Sprüchebuch ist festgehalten, dass wichtiger als Reichtum die Gerechtigkeit ist.[32] Eine ähnliche Stoßrichtung hat die vielfältige Kritik an Reichtum und Habgier im Zweiten Testament, auch wenn hier noch andere Motive hinzutreten.[33] In den Evangelien wird Reichtum besonders in Hinblick auf die Nachfolge kritisch gesehen. Wo er diejenigen, die von Jesus zur Nachfolge berufen sind, davon abhält sich ihm ganz anzuschließen, wird er negativ beurteilt. Auch diejenigen, die von Jesus Botschaft hören und sich nicht in die unmittelbare Nachfolge begeben, kann die Anhäufung von Gütern von der Lebensorientierung an Gott und seinen Geboten abhalten.[34] Das Gleichnis vom reichen Kornbauer zeigt, dass Reichtum und Besitz die Gefahr mit sich bringen, sein Vertrauen nicht auf Gott, sondern in irdische Dinge zu setzen.[35]

Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. 17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. 18 Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter 19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! 20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? 21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott. (Lk 12,16-21)

Die Schriften des Zweiten Testaments entfalten aber kein asketisches Ideal. Jesus nachzufolgen kann nicht nur der, der alles aufgibt und ohne Besitz lebt. Aber es findet sich an vielen Stellen doch eine durchaus eine kritische Position zum Reichtum. Dort wo er als Quasi-Gottheit, als Mammon, den Alleinverehrungsanspruch Gottes und davon abgeleitet gelingendes Leben verhindert, wird er verurteilt.[36] Besitz ist schöpfungstheologisch als Gabe Gottes zu sehen und der Einzelne im Umgang damit daher auch Gott verpflichtet.[37] Die Erkenntnis Kohelets, dass Reichtum allein kein erfülltes Leben verspricht, findet sich schließlich auch im Zweiten Testament wider: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lk 12,15).

Gegenwärtige Perspektiven

Armut und Reichtum gehören in der biblischen Überlieferung wie heute zu den Signaturen der Welt. In den genannten Beispielen wurde aufgezeigt, dass die biblischen Texte aber nicht fatalistisch mit dieser Erkenntnis umgehen. Auch wenn die Überwindung der Kluft zwischen arm und reich erst in Gottes Himmelreich erwartet werden kann, ruft die Fürsprache Gottes für die Armen, die scharfe Kritik der Propheten, die gebotene Solidarität von Armen und Reichen sowie der kritische Umgang mit Besitz zu einem bewussten und aktiven Umgang mit dem Thema auf. Bevor zum Abschluss noch einmal kurz das Eingangsbeispiel aufgegriffen wird, soll zuvor noch eine weitere Aktualisierung des Themas gewagt werden.

Die Kluft zwischen arm und reich geht seit Jahren weiter auseinander und ist durch die Pandemie noch einmal größer geworden.[38] Auch wenn für diese zunehmende Kluft zwischen arm und reich komplexe Zusammenhänge verantwortlich sind, hinterfragen Institutionen wie Oxfam, welche Rolle die weltweiten Wirtschaftssysteme dabei spielen. In den weltweit mehrheitlich liberalen Wirtschaftssystemen Streben die einzelnen Akteure nach Gewinnmaximierung und das Wachstum des Unternehmens ist unverzichtbar für das Bestehen am Markt.[39] Als Indikator für eine funktionierende Wirtschaft gilt dabei im Prinzip weltweit das Bruttoinlandsprodukt, das das wirtschaftliche Wachstum eines Landes misst. Im BIP ist dabei aber nicht zu erkennen, wer Nutznießer des Wirtschaftswachstums ist und wie groß die Schere zwischen arm und reich im jeweiligen Land ist. Maßgeblicher Indikator für eine gesunde Wirtschaft ist ein steigendes Bruttoinlandsprodukt. Demgegenüber steht die differenzierte Perspektive der Bibel auf Reichtum und Besitz: Gelingendes Leben ist aus biblischer Perspektive nicht (allein) vom Besitz abhängig. Die biblischen kritische Auseinandersetzung mit Reichtum schärft das Bewusstsein dafür, dass Besitz kein Eigenwert ist, sondern durch andere Maßstäbe qualifiziert wird. Modelle, wie die Gemeinwohlökonomie oder das Bruttoinlandsglück[40] schließen an eine solche Perspektive an und versuchen erfolgreiches Wirtschaften an einem erweiterten Katalog von Indikatoren zu messen, wie z.B. der Umsetzung arbeitnehmerfreundlicher Arbeitsbedingungen oder nachhaltigen Wirtschaftens. Kirchen können sich, sowohl als starke Stimme im gesellschaftlichen Diskurs als auch im eigenen Handeln,  für alternatives Wirtschaftsformen einsetzen, zu deren Indikator u.a. eine gerechte Verteilung von Besitz gehört. Die Bewertung des eigenen wirtschaftlichen Handelns mit Kriterien der Gemeinwohlökonomie könnte dabei einen guten Anfang darstellen.

In der Frage nach der gerechteren Verteilung der Impfstoffe haben kirchliche Missionswerke sich für das Anliegen der Länder des globalen Südens eingesetzt.[41] Trotz ihrer und der Einwände vieler anderer Akteure sind die Patente bis heute geschützt. Die bestehende Zusage Gottes, Fürsprecher der Armen zu sein, und das Vorbild der prophetischen Tradition und Jesus, sollten dazu ermutigen, dieses Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen, sondern weiter Wege zu suchen, wie die endzeitliche Vision einer Welt ohne Armut schon hier an Gestalt gewinnen kann.

Quellen

Biblische Zitate sind entnommen aus Luther, Martin: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, Stuttgart 2017.

Berges, Ulrich / Hoppe, Rudolf: Arm und reich, Neue Echter Bibel – Themen 10, hrsg. v. C. Dohmen und T. Söding, Würzburg 2009.

Bundeszentrale für Politische Bildung, Bruttoinlandsglück, https://www.bpb.de/veranstaltungen/netzwerke/teamglobal/67465/bruttoinlandsglueck, [Zugriff: 03.07.2021].

Diethelm, Michel: Art. „Armut, II. Altes Testament“, in TRE 4 – Arkandisziplin – Autobiographie, Berlin 1979, 72–76.

Ebach, Jürgen, Art. „Armut, II. Altes Testament“, RGG, http://dx-1doi-1org-1a6wnfq6109ff.elk-wue-han.hh-netman.de/10.1163/2405-8262_rgg4_COM_01085, [Zugriff am 03.07.2021].

Felber, Christian: Die Gemeinwohlökonomie, eine demokratische Alternative wächst, Wien 2017.

Keck, Leander: Art. „Armut, III. Neues Testament“, in TRE 4 – Arkandisziplin – Autobiographie, Berlin 1979, 76–80.

Kessler, Rainer: Art. „Armut / Arme (AT)“, WiBiLeX,  1, https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/13829/,  [Zugriff: 03.07.2021]

Kadigiannopoulos, George: Poverty in the New Testament and the Quran. An Intercultural Viewpoint, in: Journal of Sociology and Christianity 9/2 (2019), 74–85.

Lieser Marion / Exo-Kreischer, Stephan: Impfpatente aufheben ist auch eine Frage von Eigennutz, in: Der Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/politik/pro-und-contra-zum-wto-treffen-zu-corona-impfpatente-aufheben-ist-auch-eine-frage-von-eigennutz/26955600.html, [Zugriff: 03.07.2021].

Oxfam Deutschland: Soziale Ungleichheit, https://www.oxfam.de/unsere-arbeit/themen/soziale-ungleichheit. [Zugriff: 03.07.2021].

Petracca, Vincenzo: Gott oder Mammon – Überlegungen zur neutestamentlichen Besitzethik, in: ZNT 4/8 (2001), 18–23.

Schmid, Konrad: Theologie des Alten Testaments. Neue theologische Grundrisse, hrsg. v. C.  Albrecht [u.a.], Tübingen 2019.

Zajonz, Moritz [u.a.]: Wie viele wurden bisher gegen Corona geimpft Diese Länder liegen vorne, in; zdfheute, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-impfung-daten-100.html, [Zugriff 03.07.2021].


[1] Schmedt, Michael: Globale Gesundheit: Keine Entscheidung, kein Schutz, Deutsches Ärzteblatt 13/2022, https://www.aerzteblatt.de/archiv/224471/Globale-Gesundheit-Keine-Entscheidung-kein-Schutz, [Zugriff: 29.04.2022].

[2] Lieser Marion / Exo-Kreischer, Stephan: Impfpatente aufheben ist auch eine Frage von Eigennutz, [Zugriff: 03.07.2021].

[3] Kessler, Rainer: Art. „Armut / Arme (AT)“, WiBiLeX, 1 (Zugriff: 03.07.2021).  WiBiLeX, (https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/13829/), abgerufen am 01.07.2021.

[4] Vgl. Ebach, Jürgen: Art. „Armut, II. Altes Testament“, RGG.  

[5] Vgl. Diethelm, Michel: Art. „Armut. Altes Testament“, TRE, 72.

[6] Vgl. Berges/Hoppe, Arm und reich, 45.

[7] Vgl. Berges / Hoppe, Arm und Reich, 16.

[8] Vgl. Ebd. 122.

[9] Vgl. Ebd. 12.

[10] Vgl. Ebd. 45.

[11] Vgl. Diethelm, Armut, 73.

[12] Vgl. Berges / Hoppe, Arm und Reich, 35.

[13] Vgl. Ebd. 38.

[14] Vg. Schmid, Konrad: Theologie des Alten Testaments, 379.

[15] Vgl. Berges / Hoppe: Arm und Reich, 40f.

[16] Vgl. Ebd. 54.

[17] Vgl. Ebd. 56.

[18] Vgl. Diethelm, Armut, 78.

[19] Vgl. Berges / Hoppe: Arm und Reich, 82.

[20] Kadigiannopoulos, George: Poverty in the New Testament and the Quran, Sociology and Christianity, 75.

[21] Vgl. Keck, Leander E.: Art. “Armut. III. Neues Testament“, TRE, 77.

[22] Vgl. Berges/Hoppe: Arm und Reich, 65.

[23] Vgl. Ebd. 107.

[24] Vgl. Ebd. 117.

[25] Vgl. Ebd. 20f.

[26] Vgl. Petracca, Vincenzo: Gott oder Mammon – Überlegungen zur neutestamentlichen Besitzethik, in: ZNT 4/8 (2001), 18.

[27] Vgl. Kessler, Armut, 2.

[28] Vgl. Keck, Armut. III. Neues Testament, 77.

[29] Vgl. Ebd. 79.

[30] Vgl. Berges / Hoppe, Arm und reich, 18.

[31] Vgl. Kessler, Reichtum.

[32] Vgl. Ebd.

[33] Vgl. Petracca, Gott oder Mammon, 18.

[34] Vgl. Berges/ Hoppe, Arm und Reich, 87.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. Petracca, Gott oder Mammon, 20.

[37] Vgl. Petracca, Gott oder Mammon, 21.

[38] Oxfam Deutschland: Soziale Ungleichheit, [Zugriff: 03.07.2021t

[39] Felber, Christian: Gemeinwohlökonomie, 10.

[40]Bundeszentrale für Politische Bildung, Bruttoinlandsglück, [Zugriff: 03.07.2021].

[41] https://www.evangelisch.de/inhalte/183712/15-03-2021/missionswerke-fordern-aussetzung-der-impfstoff-patente

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