Happy Birthday, liebe Kirche!

Philipp Greifenstein übte schon 2020 in der „Eule“ Kritik an der Umschreibung von Pfingsten als „Geburtstag der Kirche“. Seitdem wird die Debatte jährlich zum Pfingstfest rausgekramt. Eine Erwiderung

Pfingsten ist sowas wie der Karim Benzema unter den christlichen Festen: Ein bisschen underrated, schon mal abgeschrieben, unter Kenner*innen hochgeschätzt, aber von den meisten eher vergessen: Ach, den gibt’s ja auch noch.

Weil die Kirchen mit diesem Bedeutungsverlust des Pfingstfests haderten – im Gespräch war immerhin schon die Abschaffung des Pfingstmontags – versuchte man, das Fest als „Geburtstag der Kirche“ neu zu labeln und damit einen niedrigschwelligen Zugang zu schaffen. Denn hey, was Geburtstag ist, das wissen wir alle, und dass es schön ist, dass es die Kirche gibt, darüber sind wir uns auch meistens einig. Man kann dann auch schöne Festbräuche, an denen es dem Pfingstfest fehlt, einführen, zum Beispiel eine Torte anschneiden oder Kerzen auspusten.

Für Teile des deutschen Protestantismus scheint das nicht intellektuell genug zu sein. Wo kämen wir denn hin, wenn wir auf einmal fröhlich feiern würden, statt in irgendwelchen komplizierten Sätzen von der „Ausgießung des Geistes“, „Gruppenmessianismus“ und „Wirksamkeit der Gemeinde“ zu sprechen? Nein, einladende Freude hat aus unseren Kirchen gefälligst draußen zu bleiben – es sei denn, er bewegt sich in den engen theologischen Bahnen, die irgendwelche studierten Männer vorgegeben haben. Damit sie ihre Deutungshoheit behalten, bemühen sie sogar den impliziten Vorwurf des Antijudaismus gegenüber allen, die ihre Ansicht nicht teilen – sicher ist sicher:

Die „ersten Christen“ in Jerusalem feierten kein christliches Pfingstfest. Christ*innen haben weder Pfingsten, noch Gottes Geist erfunden. Ihre jüdische Geschichte begann lange vor dem Tage, da sich die Jesus-Nachfolger*innen zum ersten Mal Christus-Leute nannten. Wer vom „Geburtstag der Kirche“ redet, läuft Gefahr die jüdische Herkunft des christlichen Glaubens unsichtbar zu machen, als ob es sich beim ersten Pfingsten um einen Evangelisierungs-Kongress gehandelt hätte.

Philipp Greifenstein in der Eule

Ja, wahrscheinlich geht es denjenigen, die vom Geburtstag der Kirche sprechen, genau darum! Ich bin ganz sicher niemand, der mit Antijudaismus leichtfertig umgeht, aber hier scheint mir der Vorwurf fehl am Platz. Denn natürlich hat die Kirche zusammen mit ihrem Glauben an Gott und seinen Geist eine Vorgeschichte im israelitischen Glauben. Gleichzeitig machen die Jünger*innen Jesu die Erfahrung, dass der Geist Gottes über sie ausgegossen wird, im urchristlichen Kontext von Kreuzigung und Auferstehung. Mit diesen Ereignissen beginnt etwas Neues, und genau auf diese Erfahrungen beziehen sich Christ*innen auch heute.

Aber eigentlich wollte ich auf die Details gar nicht so genau eingehen. Es gibt sicher gute Gründe, den Ursprung der Kirche an anderer Stelle zu verorten. Aber an Pfingsten passt es eben auch – und stellt die Kirche in das Licht des Heiligen Geistes, nimmt ihre Existenz also als unverfügbar und gottgegeben wahr. Also im Prinzip das, was wir an jedem anderen Geburtstag auch machen: Wie schön, dass du geboren bist!

Die Kirchen müssten, so schreibt es die Eule, „Pfingsten freigeben […] um es als Fest der Kirche wiederzuentdecken“ – auch als „Fest derjenigen, die wir auch heute allzu häufig nicht als Teil der Kirche wahrnehmen“. Mir ist nicht ganz klar, von wem der Autor hier spricht. Von Jüd*innen ja hoffentlich nicht – da würde ich nämlich dann die Antijudaismuskarte spielen. Allen anderen, die wir oft nicht als Teil der Kirche wahrnehmen, hilft auch kein pseudointellektueller Artikel, der getreu dem Kirchen-Vibe alles, was einladend und nach Spaß aussieht, von oben herab kritisiert. Da feier ich lieber Geburtstag.